Juni 1990: Gang nach Canossa Teil 4 und Schluss – Durch Norditalien nach Canossa

Die Burg von Canossa aus der Ferne.

„Lang ist der Weg“, dachten sich die „fröhlichen Bußgänger“ aus Speyer, die ihren Namen bei der Abfahrt von Oberbürgermeister Dr. Christian Roßkopf erhalten hatten. Bis nämlich Canossa erreicht war galt es, zahlreiche Städte und Städtchen in Norditalien zu durchqueren. So ging es von Bardonecchia aus nach Susa, Albugnano, Vercelli, Pavia, Piacenza, Reggio Emilia, Rolo und Brescello bis endlich die Türme der Burg von Canossa – oder besser was davon übrig ist – am Horizont auftauchten. Das Ziel war erreicht!

Helga Blum vor den Toren Canossas.

Die Speyerer PWV-Reisegruppe betrat die Stadt am Dienstag, den 26. Juni 1990 – rund 913 Jahre später als Heinrich IV., der von Reggio Emilia kommend am 25. Januar 1077 erstmals vor den Toren der Stadt erschien. Mit dabei waren nur seine Schwiegermutter, die bereits erwähnte Markgräfin Adelheid, sein Schwager Amadeus, der Markgraf Azzo von Este und das für die damalige Zeit übliche Gefolge.

Die Ruine der Burg von Canossa.

In seinen Erinnerungen beschreibt der Chronist Giesebrecht die Ereignisse: „Als Heinrich mit seinem Gefolge am Fuße der Berges anlangt, ließ er […] zu einer Unterredung auffordern. Er zeigte seine Bereitwilligkeit, jeder Forderung des Papstes zu entsprechen, wenn er nur die Lossprechung vom Banne erwirke. Aber Gregor verschloss sich: nur unter der Bedingung soll er sich zur Absolution bereit erklärt haben, wenn Heinrich ihm die Krone übergeben und dem königlichen Namen für immer entsagen wolle“.

Artikel aus „Il Resto Del Carlina“ vom 27. Juni 1990. „Il Resto del Carlino“ ist eine Tageszeitung mit Sitz in der Stadt Bologna und eine der ältesten Zeitungen Italiens.

Heinrich schritt zum Äußersten: „Er entschloss sich, öffentlich die strengsten Bußübungen vorzunehmen, welche die Kirche von reuigen Sündern fordert, um vor aller Welt zu zeigen, dass er jede Genugtuung dem Papste zu leisten bereit sei, die derselbe beanspruchen könne“.

Heinrich und Bertha (Helga und Günther Blum) mit Gefolge beim Aufstieg zur Burg.

Was unter „Bußübungen“ zu verstehen war, rief eine rege Diskussion unter Historikern hervor. Nähere – wenn auch schwer verdauliche (freundliche Warnung der Redaktion) – Analysen der Ereignisse von Heinrich von Kronau aus der Deutschen Zeitsschrift für Geschichtswissenschaft mit dem Titel „König Heinrich’s IV. Bussübung zu Canossa 1077“ vermitteln einen Eindruck der Auseinandersetzung. Zusammengefasst könnte man diese Übungen mit strengem Fasten und langanhaltendem Beten in ausgestreckter Gebetshaltung (Deutsche Bibelgesellschaft) und barfüßiges, sich lange hinziehendes Warten vor dem Burgtor beschreiben. Eine Bußübung hat also nur am Rande mit Turnen zu tun.

Vor dem Burgtor.

Derart von den Aktivitäten Heinrichs IV. inspiriert machten sich die Speyerer in vollem Ornat auf den Weg hinauf auf den Berg, um dort durch das Tor ins Innere der Burg zu gelangen. Ein Schauspiel, das den Einwohnern Cannossas natürlich nicht verborgen blieb. In der Tageszeitung „Il Resto del Carlino“ vom 27. Juni 1990 heißt es: „2000 Jahre sind ein respektables Alter, und die Stadt Speyer, „Spira“ für alle, denen die Aussprache schwerfällt, hatte die Idee, sie in Reggio in Zusammenarbeit mit den unermüdlichen Freunden des reggianischen Fremdenverkehrsamtes zu feiern. In der Tat wurde zum Abschluss kräftig gefeiert und die Speyerer Büßer und ihre italienischen Gastgeber tauchten tief in die Geschichte Heinrichs IV. ein.

Nach der Buße.

Damit war der „Gang nach Canossa“ des Pfälzerwald Vereins Speyer vorerst beendet. Die PWVler wären aber nicht PWVler, wenn sie dieses außerordentliche Erlebnis nicht mit einer Wanderung beschlossen hätten. So heißt es im Reisetagebuch von Helga Blum: „Wir möchten den Tag heute möglichst früh beginnen und zum Ausgangspunkt einer mit Pausen rund fünf Stunden dauernden Wanderung fahren, dem nahe gelegenen Dorf Cerédolo dei Coppi […]. Auch bei guter sommerlicher Wärme empfehlen wir, hohe Wanderschuhe und lange Wanderhosen zu Tragen (unebenes Gelände, Schlangen). Abschließend Rückfahrt nach Reggio“. War was?

Doch halt, ganz vergessen wurde das Abenteuer nicht, denn beim Brezelfestumzug am 8. Juli 1990 war das köngliche Paar wieder dabei. Im Schlepptau befand sich indes schon wieder Heinrich IV., der mit seinen Kaiser-Kollegen erneut nach Hilfe ruft: „Fährmann, hol über“… doch das ist eine andere Geschichte.

Heinrich IV. mit Frau Bertha (Helga und Günther Blum).